Algarve für Entdecker-Buchbesprechung: Portugal – Ein Länderporträt

Ein neues Buch über die älteste Nation Kontinentaleuropas

 

Cover Simon Kamm - PortugalInnerhalb der Reihe „Länderporträts“ veröfffentlichte der Berliner Ch. Links Verlag im Juni 2014 den Band „Portugal“ von Simon Kamm. Ganz klar eine Herzensangelegenheit für uns, spätestens jetzt dieses überaus interessante Buch des jungen Autors hier ganz ausführlich vorzustellen.

Simon Kamm
Portugal
Ein Länderportrait
224 Seiten, Klappenbroschur

Juni 2014 / 1. Auflage
ISBN 978-386153-783-0
16,90 EUR (D) / 17,40 (A)

E-Book: 9,99 EUR

 

Präzise Beobachtungen über ein „eigensinniges“ Land

 

Der 1981 geborene Autor Simon Kamm, gebürtiger Schweizer und in Mexiko aufgewachsen, lebt seit gut zwanzig Jahren fast ununterbrochen in Portugal. Zwischen 2006 und 2013 als Journalist bei der portugiesischen Nachrichtenagentur LUSA in Lissabon tätig, arbeitet er seither als freier Journalist für deutschsprachige Zeitungen.

Nach dem Lesen des Vorwortes, in welchem Kamm einen großen Bogen spannt, weiß der Leser Bescheid: Hier schreibt ein Engagierter, der Portugal und seinen Menschen große Sympathien entgegenbringt. Simon Kamm bezeichnet Portugal als seine Heimat. Und dennoch – oder gerade deshalb – hat er einen ziemlich klaren Blick auf „diese eigensinnige Ecke Europas“ mit seinen aktuellen Befindlichkeiten, Widersprüchen und Problemen. Sein bescheidenes Statement am Schluss der Einleitung nimmt etwaigen Beckmessern gleich den Wind aus den Segeln: „….so weiß ich doch, dass das Bild (von Portugal) am Ende wohl immer schief hängen und diesem einmaligen Land und seinen großartigen Menschen nicht gerecht werden wird“.

Portugiesischer Nationaldichter Luís de Camões als "Sandman" (Sandskulpturenfestival in Pêra 2014)
Portugiesischer Nationaldichter Luís de Camões als „Sandman“ (Sandskulpturenfestival in Pêra 2014)

 Wohlüberlegter Aufbau verspricht Lesevergnügen

 

Das 224 Seiten starke Klappenbroschur besteht aus sieben Hauptkapiteln, die ihrerseits noch eine Ebene tiefer strukturiert sind. Des weiteren gibt es einen Anhang, der viele nützliche Informationen in komprimierter Form enthält.

Hier das Inhaltsverzeichnis zur Orientierung:

  • Von einer Weltmacht zum ärmsten Land Westeuropas
    • Ankunft in Europa
  • Am Rande Europas – „Wo das Land aufhört und das Meer beginnt“
    • Begegnung in London
    • Die etwas anderen Südländer: Was die eigensinnigen Portugiesen ausmacht
    • Iberische Hassliebe: Das eigenartige Verhältnis der ungleichen Nachbarn
    • Portugiesisch: Die unbekannte „heimtückische“ Weltsprache
  • Kleines Land, große Kontraste (561 mal 218 Kilometer)
    • Hauptstadt und Land: Der Rest ist bei weitem nicht nur Landschaft
    • „Liebeserklärungen“ zwischen Nord und Süd
    • Regionale Schnappschüsse
  • Portugal zum Genießen und Verzweifeln: Einblicke in die alma lusa
    • Rebellen ohne Grund: Über fehlenden Bürgersinn und Zivilisiertheit
    • Über das portugiesische Zeitverständnis und die Arbeitskultur. Und die heimische Kunstgattung namens desenrascanco
    • Nationale Identität und Patriotismus: „Über meine Familie und mein Land rede nur ich schlecht und sonst keiner!“
    • Der besondere Stellenwert des Essens: Vom portugiesischen Magen zum portugiesischen Charakter
    • All das ist traurig. All das ist Fado! – Wie die Portugiesen ihr Schicksal besingen.
    • Kulturelle Wahrzeichen Portugals: Über Dichter und Verwandlungskünstler
  • Fliesenbilder einer fast 900 Jahre alten Geschichte
    • „Portugal. Since 1143“ – Über die Urportugiesen und die Bildung der nationalen Identität
    • Aufbruch zu unbekannten Ufern: Die ruhmreiche Vergangenheit als Seefahrernation und Kolonialmacht
    • „Über Meere, die nie zuvor befahren“
    • Das goldene Zeitalter und der schleichende Untergang des Imperiums
  • Der eingezäunte Garten Salazars – und der beschwerliche Weg zur Demokratie
    • Stolz und allein: Das Motto der autoritären Diktatur des Estado Novo
    • Zensur, Staatspolizei und das Wort „Freiheit“.
    • Der letzte neutrale Hafen: Helden, Spione und andere Geschichten
    • Der Anfang vom Ende – Kolonialkrieg
    • Eine typisch portigiesische Revolution und das Ungewisse danach
    • Viel Staub unterm Teppich: Zwischen Bruch und Kontinuität
  • Im Schnelldurchgang nach Europa: Alte Probleme & neue Krise
    • Die Boom-Jahre: Zwischen Fortschritt und Beton
    • Die „Wiederentdeckung des Meeres“
    • Portugals neue EU-Generation: Ein Bruch mit der Vergangenheit
  • Anhang
    • Ein paar historische Daten, die es sich zu merken lohnt
    • Basisdaten Portugal
    • Karte
    • Literatur
    • Nützliche Links
    • Dank
Blick auf das Castelo von Bragança, Trás-os-Montes
Blick auf das Castelo von Bragança, Trás-os-Montes

Natürlich hat sich der Autor Gedanken gemacht, wie und in welcher Reihenfolge er den Leser die Themen seines Länderporträts präsentiert. Das ist unserer Meinung nach gut gelungen.

Gleich im ersten Kapitel (Von einer Weltmacht zum ärmsten Land Westeuropas) rammt Simon Kamm Pflöcke ein. Er startet eine furiose politische Tour d’horizon über Portugal und seine faszinierende Geschichte: den Aufstieg zur Weltmacht und deren Niedergang, den Aufbruch nach Europa nach der bleiernen Diktatur, die Boom-Phase bis zur Finanzkrise und dem bis heute anhaltende Katzenjammer. In diesem Kapitel schreibt sich Simon Kamm bereits die Seele vom Leib. Sein engagierter, kritischer Stil, jedoch immer voller Empathie für die portugiesischen Menschen, nimmt den Leser mit und begeistert. Danach muss man erst mal durchatmen und kurz innehalten. Whow!

Im letzten Satz des ersten Kapitels verspricht der Autor (warum eigentlich?), dass die nächsten Seiten „garantiert (fast) politikfrei…“ sein werden. Das hält er aber im Laufe des Buches nicht ganz durch, dazu ist der junge Mann einfach zu leidenschaftlich involviert – und das ist auch gut so.

 

Die „etwas anderen Südländer“

 

Im zweiten Kapitel widmet sich Simon Kamm ausgiebig der portugiesischen Gesellschaft. Dabei erfährt der Leser sehr viel über spezifische Eigenheiten und für den Portugalkenner macht es Freude, die Ansichten und Rückschlüsse von Kamm an den eigenen Erfahrungen zu spiegeln.  Für den Portugal-Neuling kann dieser, aus unserer Sicht starke Abschnitt des Buches, eine große Hilfe sein, ein unbekanntes Land und seine Menschen verstehen zu lernen. Der Autor spricht dem Volk der „sanften Sitten“ (brandos costumes) zu Recht eine Menge positiver Eigenschaften zu, wie z.B. Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft, eine enorme Anpassungsfähigkeit, einen selbstironischen Humor, eine legendäres Expertentum in Sachen Improvisation (genannt: desenrascanco) und nicht zuletzt einen Sinn für die guten Dinge des Lebens vor allem in Form von gutem Essen und Trinken zu jeder sich bietenden Gelegenheit. Ebenso kann man Kamms leise und niemals  hämische Kritik an der Rückwärtsgewandheit und Schicksalsergebenheit der Portugiesen nachvollziehen. Das von ihm sogenannte „Nationalgefühl Saudade“, die unerfüllte Sehnsucht, welche eine portugiesische Seele heimsuchen kann ist eben nicht nur ein Klischee, sondern wirklich tief in den Menschen verankert. Allerdings tut sich laut Kamm hier einiges und der Kampfgeist des Volkes ist durch die Auswirkungen der Finanzkrise, die Portugal so stark beutelt, erwacht. Es ist zu spüren, wie Kamm für die Portugiesen eintritt bei ihrem aktuellen Kampf gegen die kollektive Depression , gegen die erlittenen Demütigungen durch Ratingagenturen und Troika und nicht zuletzt gegen ihre eigenen versagenden Eliten.

Einen größeren Abschnitt innerhalb dieses Kapitels widmet Kamm dem Verhältnis zum iberischen Nachbarn Spanien. Irgendwie muss dieses Thema bei jedem Buch über Portugal wohl abgehandelt werden. Aber Kamm hält sich dankenswerterweise nicht allzulange mit den bekannten Klischees und Banalitäten auf, sondern leitet das etwas schwierige Verhältnis aus Sicht der Portugiesen aus der Geschichte ab, in der Portugal stets sich dem Zugriff des großen Nachbarn erwehren musste. Dies ist heute Vergangenheit und die gegenseitigen Lästereien gehören halt zur Folklore. Man kennt das auch von andern ungleichen Nachbarn, wie etwa zwischen Deutschland und der Schweiz oder Deutschland zu Österreich.

Großes Lob gebührt dem Autor für den Abschnitt über die schwierige portugiesische Sprache. Es gibt immer noch viele Zeitgenossen, die aus Unkenntnis die Eigenständigkeit dieser Weltsprache nicht erfassen und sie unbedarft mit spanisch  in einen Topf werfen. Allen spanisch Sprechenden gibt Kamm gleich zu bedenken, dass man „praktisch nur Bahnhof versteht“, wenn man zum ersten mal mit portugiesisch konfrontiert wird. Zu recht erwähnt der Autor die Fülle von Nasallauten, Diphtongen, Halbvokalen an die man sich zu gewöhnen hat. Dies dürfte unter den romanischen Sprachen einmalig sein und macht das Erlernen des portugiesischen zu einer erheblichen Herausforderung.

 

„Kleines Land, große Kontraste“

 

Eine sehr stimmige Überschrift. Auf den ersten Blick würde man nicht glauben, dass das flächenmäßig kleine Portugal sich derart abwechslungsreich darstellt. Simon Kamm packt jetzt aber nicht den Reiseführer aus, sondern erklärt dem Leser, gespickt mit persönlichen Anekdoten, die geografisch und klimatisch äußerst verschiedenartigen Regionen des Landes und deren Bewohner auf unterhaltsame Weise. Es kommen die Gegensätze und Rivalitäten der beiden größten Städte Lissabon und Porto zur Sprache, die sich keineswegs nur auf Fußball begründen.  Man neckt sich gegenseitig, wie es in jedem Land zwischen wichtigen Städten üblich ist. In der Rivalität zwischen Porto und Lissabon verbirgt sich stellvertretend der Gegensatz zwischen dem kleinräumigen Norden und dem weiträumigen Süden des Landes, wobei der Flusss Tejo etwa die Grenze bildet.  Aber auch der enorme Kontrast zwischen Minho, Trás-os-Montes, Alentejo, Algarve um nur einige der historischen Regionen zu nennen, wird sehr gut abgehandelt. Einen etwas unnötigen verbalen Ausrutscher leistet sich Kamm über das touristische Hauptgebiet der Algarve Region zwischen Lagos und Faro. „Selbst schuld, wenn man da verharrt“, so seine Worte. Das klingt sehr arrogant. Auch wenn es z.T. heftige Bausünden gab und gibt, so sollte man die dort lebenden und arbeitenden Menschen sowie die dorthin Reisenden nicht pauschal abkanzeln.

Gut ist, dass Kamm aber nicht nur in der Hauptstadt sitzt, sondern auch persönlich in den entlegenen Provinzen unterwegs ist. So fährt er z.B. nach Braganca bzw. Mirandela in der Provinz Trás-os-Montes, um aus erster Hand vielfältige Erfahrungen zu sammeln. Das erfreut den Portugalliebhaber. Im Unterkapitel „Regionale Schnappschüsse“ lässt der Autor den Leser teilhaben an persönlichen Erlebnissen bei diesen Reisen in verschiedene Regionen.

Blick auf den Nationalpark Geres, Minho
Blick auf den Nationalpark Geres, Minho

Die „alma lusa“ – ein immerwährendes Thema

 

Bei diesem Kapitel begibt sich Kamm in die portugiesischen Alltag mit all seinen Facetten und damit gleichzeitig auf die Suche nach der portugiesichen Seele. Man muss ihm abnehmen, dass er in zwanzig Jahren des Lebens und Arbeitens in Portugal diesbezüglich bewandert ist. Im Grunde liest Kamm den Portugiesen hier ordentlich die Leviten, aber er ist so höflich, nicht alles zu verdammen, sondern auch die positiven Aspekte zu würdigen. Fehlenden Bürgersinn und Gemeinwohldenken macht der Autor beispielhaft an der Art der automobilen Fortbewegung der Portugiesen fest, die er ausführlich als meist unzivilisiert beschreibt. Auch wenn durch höhere Strafen und mehr Kontrollen die Lage besser geworden sei, das Unrechtbewusstsein der portugiesischen Autofahrer bleibt seiner Ansicht nach unterentwickelt.

Beim Umgang mit Müll und dem generellen Umweltbewußtsein hingegen, stellt Kamm im Vergleich zu früher eine positive Veränderung fest. Besser geworden soll auch die Einstellung der Bürger zur Schattenwirtschaft und Steuerhinterziehung geworden sein, mithilfe der Regierung, die in diesen Zeiten verschärft auf die Steuereinahmen schauen muss.

Ein anderes Thema, welches Kamm hier aufgreift, ist das Zeitverständnis und die Arbeitskultur der Portugiesen. Auch hier stellt der Autor eine Verbesserung im Vergleich zu früheren Zeiten fest, wenngleich die mitteleuropäische Effizienz immer noch meilenweit von jener in Portugal entfernt ist. Man arbeitet stundenmäßig mehr als im Durchschnitt der EU-Länder, ist aber eben nicht so produktiv. Die von Kamm bezeichnete „lusitanische Lässigkeit“ ist für ihn quasi das Rezept in einem Land, in welchem vieles nicht nach Plan läuft. Man improvisiert oft und plant eher kurzfristig. Einen Seitenhieb verteilt Kamm an die Führungskräfte, denen er eine z.T. erschreckende Unfähigkeit bescheinigt. Der Autor zitiert den Sozialdenker Antero de Quental, der in einer Rede bereits 1871 die Gründe für Portugals politischen, wirtschaftlichen und moralischen Absturz nannte. Quental nannte zwei Hauptgründe: religiöser Konservatismus, der schöpferisches Denken im Keim erstickte und die negativen Folgen des Zeitalters der Entdeckungen, die umsichtiges Wirtschaften und ehrliche Arbeit vernachlässigte, (sobald das Geld floss, vergaß man die Verantwortung. ) Kamm spannt hierauf den Bogen weiter, indem er das Gold aus Brasilien vor 300 Jahren mit dem Geld aus Brüssel vergleicht, was nach Portugal strömte und ebenfalls nicht umsichtig genug genutzt wurde. Der Autor attestiert den Portugiesen durchaus Einsichtigkeit – dennoch reagiere der Durchschnittsportugiese empfindlich, wenn Kritik von außen kommt. Hier hat Kamm wohl diverse einschlägige Erfahrungen gemacht.

Gar nicht heikel dagegen ist das Thema Essen und Trinken. Die Portugiesen sind darin ihren romanischen Vettern mindestens ebenbürtig. Ausführlich und amüsant beschreibt Kamm die landestypischen Ess- und Trinkgewohnheiten, wobei die immer noch besondere Stellung des getrocknetetn bacalhau (Stockfisch) als Leib- und Magenspeise der Portugiesen hervorgehoben wird. Überhaupt – Fisch ist einfach selbstverständlich in Portugal. Laut Kamm ist der pro Kopf-Verbrauch der dritthöchste weltweit. Eine andere portugiesiche Spezialität sind die unzähligen Pastelarias, in denen neben Kaffee legendär köstliche Leckerreien geboten werden.

In einem Buch über Portugal darf das nationale Kulturgut Fado nicht fehlen. Klar, dass auch Simon Kamm darauf eingeht. Er gibt einen geschichtlichen Abriss über die Entstehung und Entwicklung dieser Musik und der damit verbundenen Saudade. Zwischen den Zeilen hat man das Gefühl, dass Kamm dem Fado etwas ambivalent gegenüber steht. Etwas zu oft wird von ihm der spezielle Gesang als „Gekrächze“ bezeichnet und die Einzigartigkeit der „Guitarra Portuguesa“ wird ebenfalls nicht recht gewürdigt. Man hätte sich gefreut, dass er neben der Erwähnung einiger aktuell erfogreichen Gesangs-Protagonisten des Fado Novo (Ana Moura, Mariza, Carminho etc. – warum wird Gisela Joao vergessen?) auch die jungen hervorragenden Instrumentalmusiker in diesem Genre gewürdigt hätte. Der Verweis auf das unbestrittenen Genie Carlos Paredes ist 10 Jahre nach dessen Tod zu wenig. Nun ja, am Fado schieden sich, wie Kamm auch richtig bemerkt, schon immer die Geister.

Der letzte Abschnitt des Kapitels „Kulturelle Wahrzeichen Portugals: „Über Dichter und Verwandlungskünstler“ hält nicht ganz das Versprechen ein, welches der Leser erwartet. Zwar werden Leben und Werk des  bedeutendsten portugiesischen Dichters des 20. Jahrhunderts, Fernando Pessoa, ausführlich beschrieben, aber ansonsten erfährt man hier nichts über Portugals Literaten und deren Schaffen. Ebenso kommen weder zeitgenössische Musik- oder Film, noch Architektur zur Sprache. In allen Bereichen hatte und hat Portugal etwas zu bieten. Schade, das hätte man besser machen können.

Portugals Wappentier und Glücksbringer - Der Hahn von Barcelos
Portugals Wappentier und Glücksbringer aus Keramik: Der Hahn von Barcelos

Geschichte einer großen Seefahrernation

 

Ein Buch mit dem Untertitel „Länderporträt“ muss selbstverständlich auch einen Abschnitt über die geschichtliche Entwicklung eines Landes beinhalten. Simon Kamm widmet sich diesem Thema  im Kapitel Fliesenbilder einer 900 Jahre alten Geschichte chronologisch sehr gewissenhaft  auf ca. 40 Seiten. Man erfährt von den Anfängen der Ur-Lusitanier im Kampf gegen Rom, über die Besiedelung der iberischen Halbinsel durch die  germanischen Stämme der Westgoten und Sueben, über eine erste Blütezeit unter maurischer Herrschaft, über die Gründung des unabhängigen Königreiches Portugal unter König Afonso Henriques I im Jahre 1139 (mit der Hauptstadt Guimaraes), welches 1143 vom Königreich Kastilien-Léon offiziell anerkannt wurde. Die Unabhängigkeit gegenüber Kastilien – die Schlacht von Aljubarotta 1385 ist aus portugiesischer Sicht der große Triumph gegen den mächtigen Nachbarn – und später Spanien, konnte Portugal mit Ausnahme einer 60jährigen Phase zwischen 1580 und 1640 behaupten. Da war aber die große Zeit Portugals bereits vorüber.

Denkmal São Vicente, Albufeira (mit freundlicher Genehmigung von: http://quarknet.de)
Denkmal São Vicente, Albufeira (mit freundlicher Genehmigung von: http://quarknet.de)

Die Zeit des Aufstiegs zur mächtigen Seemacht lässt Kamm mit der Eroberung der marrokanischen Stadt Ceuta im Jahre 1415 unter genialer Federführung des Infanten Dom Henrique (Heinrich der Seefahrer, der jedoch selbst nie über Marokko hinauskam) beginnen. In deren Folge nahm die systematische Übersee-Expansion ihren Lauf.  Der Autor beschreibt anschaulich die Eroberung der damaligen Welt durch die Portugiesen mit ihren überlegenen, hochseetüchtigen Schiffen. Die berühmten „Entdecker“ werden natürlich gewürdigt. Die Namen Vasco da Gama, Bartolomeu Dias, Pedro Álvares Cabral, Fernao Magalhaes stehen für Glanz und Gloria  eines Weltreiches, aber auch für dessen traurige Schattenseite: der mehrere jahrhundertlangen Verschleppung und Versklavung von Millionen von afrikanischen Menschen. Mit der verlorenen Schlacht von Alcacér-Quibir (Marokko) im Jahre 1580 begann der langsame aber unaufhörliche Abstieg der Weltmacht Portugal. Zu recht geißelt Simon Kamm, die Unfähigkeit der herrschenden Eliten über Hunderte von Jahren, die portugiesische Wirtschaft nachhaltig auf gesunde Füße zu stellen. Während das Mutterland und die einheimische Bevölkerung immer mehr verarmten, wurde am Hof und in Adelskreisen in „Saus und Braus“ gelebt, als gäbe es kein morgen. Das ging solange gut, wie man die Kolonien ausbeuten konnte. Vor allem das Gold aus Brasilien verhieß immerwährenden Reichtum.  Spätestens mit der Unabhängigkeitserklärung Brasiliens im Jahre 1822 war damit endgültig Schluss. Inzwischen hatten andere Spieler auf den Weltmeeren (England und die Niederlande) das Sagen. Und im Europa Napoleons diente Portugal den französischen Truppen mehrmals als Schlachtfeld mit verheerenden Folgen. Zwar stand England als „Freund“ vordergründig den Portugiesen bei, jedoch nie ohne massive wirtschaftliche Eigeninteressen. Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts und zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war Portugal schließlich ein Land voller Armut und geringer Bildung.  Und 1910 war schließlich die Monarchie am Ende.

 

Von Salazar zur Demokratie und den Boom-Jahren – und der Krise danach

 

„Der eingezäunte Garten Salazars“ – so treffend betitelt Kamm den Abschnitt über die 40-jährige Diktatur Portugals zwischen 1932 und 1974.  Mit dem „Todesstoß“ der konstitutionellen Monarchie (das Attentat auf König Dom Carlos I, am 1. Februar 1908 auf der Praca de Commercio in Lissabon) beginnt der Autor die geschichtliche Entwicklung hin zum Salazar / Caetano-Regime beginnenund lässt die Periode mit den Kolonialkriegen in Afrika und der anschließenden sogenannten Nelkenrevolkution im April 1974 enden. Der Leser bekommt hier in kompakter Form die wichtigsten Fakten und Facetten jener Zeit serviert, die für das Land die größten Umwälzungen in seiner neueren Geschichte bedeuteten. Das Salazar bei vielen Portugiesen sehr viel später (2006 in einer Fernsehsendung über die größten Portugiesen aller Zeiten) immer noch eine gewaltige, in Kamm’s Worten „beunruhigende“ Popularität genießt, begründet der Autor als Folge des Traumas der verlorenen Kolonialkriege und einer gewissen „Rückstandigkeit, an der Portugal bis heute krankt“. Darüber lässt sich sicher trefflich diskutieren, man nimmt Simon Kamm aber auf Grund seiner Biografie ab, dass er die gesellschaftlichen Zustände des Landes gut beurteilen kann.

„Im Schnelldurchgang nach Europa“ bezeichnet wiederum treffend die Entwicklung des Landes in der Phase ab dem Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft (1986)  bis heute. Mit Zahlen hinterlegt bringt Kamm alles Wesentliche zur Sprache: Wie Portugal quasi im Schleudergang den Weg zur modernen Dienstleistungsgesellschaft ging und gleichzeitig seine industrielle Basis an aufstrebende Länder in Osteuropa bzw. Asien verlor. Wie ein unglaublicher Konsumrausch in den 90er-Boom-Jahren das ganze Land erfasste, der bereits vor der internationalen Finanzkrise bröckelte und ab 2008 in einem wahren Katzenjammer endete, welcher bis heute anhält. Man kann Simon Kamm durchaus in seiner Argumentation folgen, dass „das Tempo und die Intensität des Wandels das Land überrannt hat“.  Die wahnwitzige „Betonisierung“, vor allem in Gestalt eines größenwahnsinnigen Autobahnnetzes, gaukelte einen Fortschritt vor, der auf tönernen Füßen stand. Kamm nimmt sich äußerst  kritisch die politischen und gesellschaftlichen Eliten Portugals zur Brust, bescheinigt diesen im Grunde ein Versagen auf ganzer Linie und stellt sich auf die Seite der normalen Bürger. Der Satz: „Es ist die bei weitem bestausgebildetste Generation, die gerade ihre Zukunft verpasst “ bringt die aktuelle gesellschaftliche Misere auf den Punkt. Wer sich einigermaßen in Portugal auskennt wird dem nicht widersprechen können.

Ganz am Schluss gibt Simon Kamm der verlorenen, jungen Generation doch Hoffnung, indem er ihr zutraut für die Zukunft zu kämpfen und dass sie „….nicht nur ein anderes Portugal anstrebt, sondern auch einen Bruch mit der Vergangenheit schaffen will. Und tatsächlich liegt es an ihr, Portugal wieder auf den richtigen und nachhaltigen Pfad zu führen – wenn man sie nur lässt….“.

Luftaufnahme Ria Formosa, Algarve (mit freundlicher Genehmigung von: http://quarknet.de)
Luftaufnahme Ria Formosa, Algarve (mit freundlicher Genehmigung von: http://quarknet.de)

Ein wertvolles Buch für Freunde Portugals und solche, die es werden wollen

 

Man wird im Moment schwerlich ein deutschsprachiges Buch über Portugal finden, welches die Vehältnisse so profund und aktuell beschreibt wie Simon Kamm dies hier tut. Dafür gebührt dem Autor großer Dank. Wer mehr über das wunderbare Land und seine Menschen am Westende Kontinentaleuropas wissen will ist mit diesem Werk bestens bedient. Kamm pflegt einen flüssigen, gut lesbaren, manchmal emotionalen Schreibstil und vermittelt dadurch die zahlreichen Fakten mit Leichtigkeit.

Ein sehr erfreuliches Buch, welches wir trotz der oben besprochen kleinen Schwächen unseren Lesern gerne empfehlen möchten.

 

3 Gedanken zu „Algarve für Entdecker-Buchbesprechung: Portugal – Ein Länderporträt

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