Ankunft im Alentejo und erste Eindrücke

 

Alentejo

Komm herein!

„Hallo, Anne – schön, dass Du da bist!“ Nach einem langen Reisetag fühlt sich eine derart herzliche Begrüßung wunderbar an. ‚Gast-Freundschaft‘ – an der Vicentina-Küste bekam ich sie oft und herzlich zu spüren. Deswegen will ich auch von einigen der Menschen, die sie mir entgegenbrachten, berichten.

Franziska, meine erste Gastgeberin, hatte schon bei der Buchung per mail angeboten, mich vom Busbahnhof in Santiago do Cacem, Anfangsort des Historischen Weges, abzuholen. Aber ich hatte nur um eine Wegbeschreibung gebeten, weil mir 3,5 km hinaus zur ‚Herdade do Moinho‘ am Stadtrand zum Einlaufen vor der ersten langen Etappe der ‚Rota Vicentina‘ gerade recht kamen, und ein bisschen Bewegung nach der langen Anreise gut tun würde. Gegen Abend war die Luft auch nicht mehr ganz so schwül-heiß und diesig wie die 33°C nach meiner Ankunft in Lissabon.

 

Gastfreundschaft pur

 

Algarve Sehenswürdigkeiten

Gelände bei der Mühle

Ich spazierte also stadtauswärts. Nachdem ich die Ausfallstraße gefunden und die letzten Häuser hinter mir gelassen hatte, tauchte vor mir auf einem Hügel bald schon ‚meine‘ Mühle auf, einer der wenigen in diesen Wochen vorab gebuchten Unterkünfte. Für eine Person nicht ganz billig – bei späteren Unterkünften siedelte ich mein Budget deutlich tiefer an, aber jeden Euro wert und wirklich ein perfekter Einstieg. Franziska ist zwar gar keine Portugiesin, sondern Schweizerin, aber die Gastfreundschaft des Alentejo hat sie mir mit ihrem Mann Jorge als erste gezeigt. In gewisser Weise war dieser Anfang typisch. Oftmals hatte ich es beim Trampen oder auf der Suche nach einer Bleibe mit Europäern zu tun, die nach Portugal ausgewandert sind. Oder mit Portugiesen, die lange Zeit im Ausland gelebt haben. Beide Gruppen scheinen unbefangener im Umgang mit Ausländern, wohl, weil sie nicht wie manch andere Verständigungsschwierigkeiten befürchteten. Franziska hat sich mit der Mühle, die sie vor mehr als eineinhalb Jahrzehnten gekauft und nach und nach renoviert hat, einen Lebenstraum erfüllt. Ein Zuckerschlecken war es gewiss nicht, sich als Frau in einer doch recht machismo-geprägten Gesellschaft durchzusetzen und mit ihren Vorhaben respektiert zu werden. Aber nun fand ich ein kleines Paradies vor. Müllerhaus und die liebevoll renovierte, urige Mühle werden an Gäste vermietet, die auf’s Fürsorglichste unterstützt werden (http://moinhodacampa.com).

 

Unter’m Mühlendach

 

Hinterland

Blick aus der Turmstube

Eine Windmühle liegt naturgemäß auf einer Anhöhe, so dass der Blick von den Liegen auf dem großzügigen Gelände und erst recht aus den Fensternischen des Schlafgemaches unter’m Dach fast rundum schweifen kann. Im Westen bis zum Meer. Nachdem ich mein Gepäck abgeladen hatte, erkundete ich mein Reich über die offene Steintreppe von unten bis oben. Als ich wenig später mit Fragen bei Franziska und Jorge anklopfte, baten sie mich wie selbstverständlich zu sich an den Abendbrottisch. Und versorgten mich nicht nur mit allen Informationen, die ich mir nur wünschen konnte, einschließlich Wanderführer und Karte für die Rota Vicentina. Sondern luden mich ein zu einem herrlichen Salat und auf ein Glas Wein. Es war, als ob ich bei Freunden untergekommen wäre, und so saßen wir bis weit in die Dunkelheit hinein zusammen. Später nahm ich noch ein Bad unter’m Sternenhimmel im Bio-Schwimmbad, und das Froschkonzert aus dem darunter liegenden Teich begleitete mich bis in den Schlaf.

Mühle

Unter’m Mühlendach

Costa Vicentina

Detail unter’m Mühlendach

Rozs Vicentina

Vorplatz und Eingang zur Mühle

Algarve Portugal

Konzertmeister

Praktische Informationen zum Einstieg

 

Die Algarve kann man auf vielfältige Weise erreichen und erkunden. Von Selbstorganisation und Flexibilität von Tag zu Tag über Vorabbuchungen der Unterkünfte bis hin zu einer Art all-inclusive-Paket mit Gepäcktransport, allein oder in einer Gruppe mit Wanderführer lässt für jeden Geschmack etwas organisieren. Es gib sowohl spezielle Reiseveranstalter als auch individuell zusammenstellbare Buchungs-Varianten. Meine Reise- bzw Wanderart ist immer auf größtmögliche Freiheit vor Ort angelegt, daher verzichte ich weitgehend auf Fremdorganisiertes. Wessen Sache das aus sprachlichen oder sonstigen Gründen nicht ist, der findet, u.a. auf der Seite der Rota Vicentina, vielfältige Informationen und Links.

 

Anreise

 

Bahn

Zug zwischen Faro und Lagos – mit Umsteigemöglichkeit von und nach Lissabon

Die Anreise ist unkompliziert – z.B. mit der TAP von Hamburg nach Lissabon, dem Flughafenbus zum Busbahnhof Sete Rios. Von dort mit einem vorab online buchbaren Schnellbus von ‚Rede Expressos‘ (fährt ca. im 2-Stunden-Takt) nach Santiago do Cacem, nördlicher Einstieg des historischen Weges. Busse sind in Portugal – wie auch in anderen Mittelmeerländern – häufig das Verkehrsmittel der Wahl. Zugfahren dauert häufig länger, die Bahnhöfe sind nicht immer so zentral gelegen wie die Omnibus-Endhalte (‚Terminal Rodoviário‘). Die Preise für Bus- bzw. Bahnfahren sind vergleichbar und recht günstig (meine etwa zweistündige Busfahrt von Lissabon nach Santiago do Cacem am ersten Tag kostete um 15,-€, der Zug von Lagos auf dem Rückweg nach Lissabon etwas über 2o,-€).

Die zweite ‚Hauptroute‘ an die Algarve ist die Variante über Faro an der Südküste, das ebenfalls von vielen Flughäfen direkt angeflogen wird. Von dort geht es per Bus oder mit dem Zug weiter nach Lagos und ab da mit einer regelmäßigen Busverbindung nach Sagres, das sich als südlicher Ausgangspunkt oder auch Endpunkt einer Tour an der Vicentina-Küste anbietet.

Zwischen den einzelnen Orten der Rota wird es mit öffentlichem Transport außerhalb der Hauptsaison deutlich schwieriger. Es gibt regionale Busse, deren Frequenz aber niedrig und damit nicht sehr praktisch ist (oft eine Früh- und eine Abend-Verbindung). Für meine Ferien-Aufstehzeit waren die morgendlichen Verbindungen in aller Regel ebenso zu früh wie die abendlichen, da ich mit Vorliebe bis in die kühleren und vom Licht her meist schönen Abendstunden hinein gewandert bin, z.T. auch meinen vielen Pausen unterwegs geschuldet. Auskünfte zu Buslinien gibt es im örtlichen ‚turismo‘, gelegentlich auch mal in einem Laden mit Poststelle o.ä., der auch Fahrkarten verkauft. Vorabinformationen zu Fahrplänen, Preisen und Buchung lassen sich auch im Internet finden (z.B.  auf Englisch und Portugiesisch auf: http://www.rede-expressos.pt).

 

Voraussetzungen und Gepäck

 

Portugal Küste

Manchmal anstrengendes Wandern

Strand

Tiefes Geläuf

Eine gewisse Grundkondition sollte man zum Wandern an der Costa Vicentina schon mitbringen, insbesondere auf dem Fischerpfad. Von wenigen mehr oder weniger hügeligen Strecken im Binnenland und dem ein oder anderen etwas steileren Auf- oder Abstieg an den Buchten der Küste ist zwar keine Herausforderung in puncto Überwindung von Höhenmetern zu erwarten. Oft sandige, tiefe Wege und Pfade können aber ganz schön anstrengend werden. Und wechselnden Wetterbedingungen trotzt man mit guter körperlicher Verfassung auch deutlich munterer!

Zumal Etappenlängen von 15 bis 25 km, meist um die 2o km, auch keine Spaziergänge verheißen. Entsprechend niedrig sollte man das mitgeführte Gewicht halten. Es sei denn, man ist mit einem Mietwagen unterwegs und hat vielleicht eine oder mehrere Unterkünfte als wechselnde Basis. Dann spielt Gepäck natürlich keine Rolle und man kann mit Tagesgepäck zu verschiedenen Ausgangspunkten anfahren. Oft lassen sich Schleifen laufen durch Wege-Kombinationen. Ein Hin- und Zurücklaufen auf ein und derselben Strecke hat auf dem Fischerpfad sicherlich auch seinen Reiz durch die unterschiedlichen Perspektiven. Oder man vereinbart einen Taxi-Transfer vom Etappenende zum Ausgangspunkt (kostet als Daumenregel pro gefahrenen Kilometer etwa einen Euro).

West-Algarve

Abstieg zum Bad zwischendurch

Höhenangst sollte man auf der Küstenvariante auch nicht haben. Der Pfad führt oft sehr nah an der  der Steilküsten entlang und der ein oder andere Abstieg in Buchten ist durchaus pulssteigernd. Schilder an jedem Einstieg zu Küstenetappen weisen darauf hin, dass das Verlassen der markierten Wege nicht nur der Natur schadet (und dem Ruf der Wanderer!), sondern vielerorts sehr gefährlich werden kann. Die Abbruchkanten sind z.T. überhängend, und schnell macht man mal mit der Kamera vor Augen einen Schritt zu viel. Viele Trampelpfade zeugen allerdings davon, dass es schwer ist, auf den ein oder anderen vielleicht noch besseren Ausblick zu verzichten.

Steilküste

Hinweise am Etappenbeginn

Nun geht’s aber erstmal für eine erste Etappe in’s Binnenland, und dann geht gleich der schöne Plan dahin…