Portugal und sein Süden 42 Jahre nach der Nelkenrevolution

Brücke des 25. April 1974

 

An diesem Montag begeht Portugal das 42. Jubiläum eines für das Land wichtigen Tages in der Geschichte. Den 25. April 1974 kennen heute nicht nur die Menschen in Portugal als Tag der Nelkenrevolution. An diesem Tag gelang es der Bevölkerung unterstützt von Teilen der Armee, das Regime des von António de Oliveira Salazar etablierten „Estado Novo“ durch einen weitestgehend unblutigen Umsturz abzulösen.

Heute, 42 Jahre später, ist der Mythos, der sich aus dem Tag der Nelkenrevolution und seinen Folgen entwickelt hatte, verblasst. Der noch lebende Teil der Generation der Revolutionäre sieht seine politischen Träume verraten, und viele der jüngeren Portugiesen stehen hilflos zwischen den Scherben einer Politik, die sich in den vergangenen Jahrzehnten leider allzu oft zwischen politischem Hochmut und politischer Inkompetenz bewegt hat.

 

Portugals Geschichte: ein schwer wiegendes Erbe

 

Die in Portugals Kultur omnipräsente „Saudade“, dieses so schwer zu beschreibende Gefühl von wehmütiger Sehnsucht, auf das viele Portugiesen so stolz sind, hat auch politische Dimensionen. Denkmal der EntdeckungenPortugal stieg als Königreich im 15. Jahrhundert zur Weltmacht auf und spielte eine ganz wesentliche Rolle im Zeitalter der Entdeckungen. Mit Kolonien in Südamerika, Afrika und Asien war das Staatsterritorium von Portugal bis nach der Nelkenrevolution größer als das heutige Gebiet von Europa. Selbstverständlich führen Rückblicke auf die vordergründig vor allem großartige Vergangenheit zu Gefühlen von sehnsüchtigem, melancholischem Stolz bei vielen sehr traditionsbewussten Portugiesen. Dass Einiges an dieser Geschichte verbrecherisch und aus heutiger, humanistisch-europäischer Sicht eher verachtungswürdig ist, verdrängen heute viele Portugiesen.

Die Nelkenrevolution und die folgenden zwei Jahre waren für Portugal eine Zeit intensiver politischer Auseinandersetzungen und grundlegender Veränderungen. Neben den Vorzügen der neu gewonnenen Freiheiten erlebten die Portugiesen sehr unterschiedliche politische Gruppierungen, die sich zu einem Teil innerhalb einer Übergangsregierung, zu einem anderen Teil als separat wirkende Organisationen im westlichsten Land Europas betätigten.

Vasco da Gama-Brücke1976 folgten die ersten demokratischen Wahlen des Landes nach der Nelkenrevolution, die letzten politischen Schritte zur Entlassung der früheren Kolonialstaaten in die Unabhängigkeit und der Beitritt Portugals zur EG.

In der jüngeren Vergangenheit hat die Dritte Republik Portugals auch nicht nur positive Eindrücke bei der Bevölkerung des Landes hinterlassen. Einige der großen Ziele der Regierungen Portugals waren nur zu einem Teil erfolgreich. Das Land ist – trotz und zum Teil vielleicht auch wegen der Beteiligung der EU – wirtschaftlich im Vergleich zu seinen Nachbarn nicht ausreichend entwickelt.

Die europäische Bankenkrise hat den landschaftlich so zauberhaften Staat seit 2009 im Würgegriff:

Noch 2011 bewahrten die EU und der Internationale Währungsfonds (IWF) mit einem Hilfspaket in Höhe von ca. 78 Milliarden Euro Portugal  vor dem Bankrott.

 

Eine Wunderheilung Portugals?

 

Nach drei Jahren unter dem EU-Rettungsschirm steht das Land erst seit Mai 2014 finanziell wieder auf eigenen Beinen.

Park der Nationen in LissabonErstaunlicherweise strebt Portugal jetzt an, sein Haushaltsdefizit im kommenden Jahr von 2,2 (2016) auf 1,4 Prozent der Wirtschaftsleistung zu drücken und schon 2020 keine neuen Schulden mehr zu machen.

Das geht aus einem „Stabilitätsprogramm“ der Regierung von Ministerpräsident António Costa hervor, das am 20.4.2016 – nur fünf Tage vor dem Jubiläum der Nelkenrevolution – vom staatlichen Fernsehsender RTP veröffentlicht wurde. Für 2020 ist demnach ein Haushaltsüberschuss von 0,1 Prozent geplant.

Portugal sollte schon 2015 die Maastricht-Obergrenze von drei Prozent einhalten – stattdessen wurden 4,2 Prozent erreicht. Regierungschef Costa, seit Herbst 2015 im Amt, will zwar die Steuerlast senken, die Defizitziele aber durch eine Ausgabensenkung unter anderem in den Bereichen Personal und Schuldendienst sowie auch durch ein stetiges Wirtschaftswachstum von etwa zwei Prozent erreichen.

 

Ein Fazit zum Jahrestag der Revolution

 

Die deutlich übersteigerten, öffentlich propagierten Erwartungen der aktuellen Regierung Costa dürften wohl in die Kategorie „wishful thinking“ fallen. Selbst bei blendendsteen Prognosen dürften diese Ziele kaum zu erreichen sein.

SeniorPortugal ist höher verschuldet als viele andere Staaten Europas.

Die hohe Arbeitslosigkeit konnte nur mithilfe drastischer Maßnahmen der Regierung gesenkt werden. Und auf Kosten vieler Menschen in Portugal. Rentner und Angestellte haben in den vergangenen Jahren erhebliche Einschnitte bei ihren Einkommen hingenommen, und auch sonst ist das soziale System des Landes deutlich ausgedünnt.

Ein seit Anfang dieses Jahres fest geschriebener Mindestlohn von 618 € pro Monat trägt kaum dazu bei, dass Arbeitnehmer Rücklagen bilden können. Und dieser Mindestlohn wird auch die Abwanderung der Qualifiziertesten aus Portugal in andere Länder Europas, die USA und in andere Regionen der Welt nicht aufhalten.

 

Hoffnungsschimmer…

 

Mit der Nelkenrevolution am 25. April 1974 hat sich das Volk Portugals von einer Diktatur befreit.

Kunstwerk
„Wir müssen den April retten“ von Henrique Matos. Copyright Creative Commons

Diese Freiheit wurde zur Basis für ein demokratisches Staatswesen, auf das alle Portugiesen stolz sein können. Dieser Jahrestag sollte das in Erinnerung rufen – selbst in Zeiten, in denen klar wird, dass Portugal noch vor einigen Herausforderungen steht.

Ich hoffe sehr, dass die vergangenen 42 Jahre auch zu einem veränderten politischen Bewusstsein beitragen konnten. Dazu, dass die Bürger Portugals mehr Verantwortung für ihre Situation und ihre Gesellschaft übernehmen. Dazu, mehr in ihrem wirtschaftlichen Umfeld gestalten zu wollen. Und dazu, die sehr zahlreichen positiven Werte der Gesellschaft zu bewahren und auszubauen.

 

Die Mehrheit der Menschen in Portugal ist unvergleichbar freundlich und angenehm.

Auch deshalb verdienen dieses Land und seine Menschen Toleranz, Respekt und Unterstützung bei der Erreichung der eigenen Ziele. Und für den eigenen, portugiesischen Weg!

 

Ich gratuliere allen Menschen in Portugal herzlich zum 25. April!

 

Ihr

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Alexander Kroll

 

 

 

Alexander Kroll

Alexander Kroll ist Autor und Chefredakteur von "Algarve für Entdecker". Er hat seine Kindheit und Jugend mit seinen Eltern und Geschwistern im Ausland verbracht. und dabei seine Leidenschaften für Reisen und andere Kulturen entwickelt. Nach seinem Jura-Studium hat er für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Lufthansa gearbeitet. Anschließend wechselte er zu Agenturen und ist seit 1998 in Berlin. Seine Leidenschaft für Reisen und andere Kulturen konzentriert er seit 2011 auf Portugal - mit seiner Lebensgefährtin, seinem Rollstuhl und seinem Laptop. Seit 2013 veröffentlicht Kroll das Weblog "Algarve für Entdecker"...

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